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Trägerin:
Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL)

Entwicklung neuer Stadtquartiere - Bericht zur ISW-Fachtagung am 06./07.07.2017 in München

Im Rahmen der Fachtagung wurden Lösungsansätze für die komplexen Herausforderungen der Quartiersentwicklung identifiziert und mit den eingeladenen Experten Christian Bitter, Stattbau München GmbH; Erwin Böckeler, GEWOFAG; Dr. Rainer Emenlauer, ProStadt; Prof. em. Dr. Johann Jessen, Universität Stuttgart; Stefan Kreutz, HafenCity Uni Hamburg; Gerda Peter, GWG; Mathias Reitberger, Meidert & Kollegen; Natalie Schaller, Stattbau München GmbH; Eberhard Tröger ZHdK Zürich / ZHAW Winterthur und Dr. Doris Zoller, GEWOFAG diskutiert.

Dritte Stadterweiterungs- und Stadtumbauwelle

In den wachsenden Großstädten gilt die Entwicklung neuer Stadtquartiere wieder als wichtige Aufgabenstellung der Stadtentwicklung. Eine Vielzahl von Projekten und Planungen verdeutlicht, dass, nach den ersten Wellen der 1950er - 1970er und ab den 1990er Jahren, derzeit eine dritte Stadterweiterungs- und Stadtumbauwelle zu beobachten ist. Diese tritt insbesondere in Großstädten mit sehr hoher Wohnungsnachfrage auf. Dort wird nicht nur auf ehemaligen Industrie- und Militärbrachen, die in absehbarer Zeit bebaut sein werden, sondern vermehrt auch auf der grünen Wiese gebaut. Die Tagung verdeutlichte, dass bei der Gestaltung der neuen Stadtteile kein radikaler Leibildwechsel festzustellen ist, sondern eher eine Weiterentwicklung des bestehenden Leitbilds der kompakten und durchmischten Stadt. Dabei werden die Konsequenzen aus den vorherigen Stadterweiterungswellen gezogen und das Spektrum durch Aufnahme neuer technischer und sozialer Anforderungen erweitert.

Umsetzung von Nutzungsmischung

Die Ansprüche an neue Stadtquartiere sind so hoch sind wie nie zuvor: kompakt, dicht, nutzungsgemischt, urban, grün, mit optimaler Anbindung an das Verkehrsnetz und natürlich bezahlbar, um nur einige zu nennen. Hinsichtlich der Anforderungen besteht weitgehend fachlicher und politischer Konsens. Doch die realisierten Stadtquartiere sehen vielerorts anders aus: häufig durch Entmischung und Funktionstrennung geprägt und nicht immer besonders urban und belebt. Darum wurde ausführlich die Schaffung von Nutzungsmischung mit Hilfe des Bauplanungsrechts diskutiert, wobei deutlich wurde, dass eine aktive Steuerung der Nutzungsmischung einen Bebauungsplan voraussetzt. B-Pläne können Nutzungsmischung schaffen, insbesondere wenn sie eine Gliederung gemäß §1 Abs. 5-8 BauNVO enthalten. Ob die Neuerungen des §6a BauNVO Urbane Gebiete mit einer GFZ bis zu 3,0 und Immissionsrichtwerten von 63 dB(A) am Tag und 45 dB(A) in der Nacht bei der Schaffung von Nutzungsmischung eine Erleichterung bringen ist derzeit noch nicht abschließend zu beurteilen.

Gestaltung öffentlicher Räume

Die Tagung hat gezeigt, dass beim Entwurf von Neubauquartieren eine Vielzahl von Gestaltungsfragen zu beachten sind. Diese betreffen nicht nur die Nutzungsmischung, die Dichte und die Gebäude an sich, sondern vor allem auch den öffentlichen Raum. Wichtige Planungsprinzipien sind hier die Verzahnung zwischen öffentlichen und privaten Räumen, eine klare Gliederung beider Raumtypen und ein möglichst feinmaschiges Netz öffentlicher Räume. Um der Gefahr der Inselbildung neuer Stadtquartiere vorzubeugen wird empfohlen, mindestens 20% der Gesamtfläche für  öffentliche Flächen einzuplanen. Ebenso deutlich wurde, dass urbane Freiräume hohen Belastungen widerstehen und intensiv nutzbar sein müssen. Für Mehrfachfunktionen und –nutzungen müssen sinnvolle und nachhaltige organisatorische und gestalterische Lösungen gemeinsam mit den Eigentümern und Nutzern entwickelt werden. Daher ist es sinnvoll, Freiräume zeitgleich mit dem Hochbau strategisch und dauerhaft zu entwickeln.

Erdgeschosszonen

Darüber hinaus wurde im Rahmen der Tagung deutlich, dass auch die Erdgeschosszonen ein Schlüsselelement für lebendige, gemischt genutzte Quartiere sind, weshalb ihrer Gestaltung besondere Bedeutung zukommt. Die Erdgeschosszone unterliegt sowohl Anforderungen aus dem Wohnen als auch aus dem öffentlichen Raum. Hinsichtlich der Gestaltung existiert ein enger Zusammenhang zwischen städtebaulicher Typologie und architektonischem Detail, so dass zur Sicherung von Qualität ein integrativer Planungsprozess mit Beteiligung empfehlenswert ist.

Baugemeinschaften

Ebenfalls deutlich wurde, dass Baugemeinschaften zum bewussten Aufbau zukünftiger Nachbarschaften beitragen, indem sie nachfrageorientierten, bedarfsgerechten Wohnraum sowie kulturelle Infrastruktur und Angebote für das Quartier schaffen. Wie verschiedene Beispiele in München zeigen, können Wohnprojekte eine stabilisierende Funktion für neue Quartiere haben.

ISW vor Ort

Wie komplex es in der Praxis ist, die teilweise gegensätzlichen Anforderungen an Stadtquartiere miteinander zu vereinen, zeigte ein Einblick in die Arbeit der GWG München. Die GWG verwirklicht ein umfangreiches Neubauprogramm, bei dem darauf geachtet wird, dass trotz der vielen vorgegebenen externen und internen Richtlinien und Standards auf die Realisierung qualitätsvoller Quartiere geachtet wird.

Neben einer Reihe von Fachvorträgen wurden zwei in Bau befindliche Stadtquartiere vor Ort in München besichtigt. Beim Werksviertel handelt es sich um ein ehemaliges Industriegebiet mit neun verschiedenen Eigentümern (Corpus Sireo, Hamberger, Office First Immobilien, Maltz, LH München, MGS, OTEC, Rohde & Schwarz und SWM). Ein erstes Konzept von 1996 sah für das Quartier eine hohe Dichte mit dem Schwerpunkt Büronutzung vor. Im Laufe der Zeit wurde das ursprüngliche Konzept jedoch weiter entwickelt, so dass ein Teil der Gebäude, der durch kulturelle Einrichtungen zwischengenutzt wurde, erhalten und der Anteil des Wohnens erhöht werden konnte.

Im Domagkpark hingegen entsteht auf einem ehemaligen Militärgelände ein neues Stadtquartier mit etwa 1.700 Wohnungen, 1.000 Arbeitsplätzen und sozialen Einrichtungen. Die Landeshauptstadt München leitete 1992 eine städtebauliche Entwicklungsmaßnahme ein und überplante das gesamte Gebiet „in einem Guss“. Die GEWOFAG München entwickelt das Quartier gemeinsam mit einem Konsortium aus Genossenschaften, Bauträgern und Baugemeinschaften seit 2013, was die TeilnehmerInnen der Fachtagung abschließend besichtigen konnten.