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ISW vor Ort in der Metropole Ruhr

Die Internationale Bauausstellung (IBA) Emscherpark gilt in Fachkreisen bis heute als methodisch und inhaltlich stärkste baukulturelle Initiative Deutschlands. Durch städtebauliche, ökologische, soziale und kulturelle Projekte wurden neue Impulse für den wirtschaftlichen Wandel gesetzt. Ein Großteil der Projekte hat bis heute eine große Bedeutung für die Region sowie mindestens auf nationaler Ebene Vorbildcharakter. 20 Jahre nach der IBA Emscherpark ist der wirtschaftliche Wandel im Ruhrgebiet nochmals vorangeschritten. Die Region hat sich, wenn auch noch nicht vollumfänglich, zu einer modernen Wirtschafts-, Handels- und Dienstleistungsmetropole entwickelt. Das ISW hat das Ruhrgebiet im Rahmen einer Fachexkursion im April 2019 besucht und unter fachlicher Begleitung Projekte der IBA Emscherpark sowie aktuelle innovative Projekte aus den Bereichen Wohnungsbau, Stadterweiterung und Stadtumbau besichtigt.

Universitätsviertel Grüne Mitte Essen

Gemeinschaftswohnprojekt WIR am Phoenixsee Dortmund

Promenade am Phoenix See Dortmund

Landesarchiv NRW Innenhafen Duisburg

Landschaftspark Nord Duisburg

Wohnbebauung Grachten Innenhafen Duisburg

 

IBA Reloaded: Innovative Projekte, moderne Leitvorstellungen und Ziele in Städtebau und Stadtentwicklung

Fachexkursion vom 04.-06.04.2019

Die Internationale Bauausstellung (IBA) Emscherpark gilt in Fachkreisen bis heute als eine der methodisch und inhaltlich stärksten baukulturellen Initiativen in Deutschland. Die als Zukunftsprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen eingesetzte IBA (1989-1999) verfolgte das Ziel, durch städtebauliche, soziale, kulturelle und ökologische Maßnahmen neue Impulse für den wirtschaftlichen Wandel der Industrieregion zu setzen. Ein Großteil der Projekte hat bis heute und auch für die Zukunft eine große Bedeutung für die Region sowie mindestens auf nationaler Ebene Vorbildcharakter.

20 Jahre nach Abschluss der IBA Emscherpark ist der wirtschaftliche Wandel im Ruhrgebiet nochmals weiter vorangeschritten. Die Region, die bis heute den größten zusammenhängenden urbanen Verdichtungsraum Deutschlands darstellt, hat sich, wenn auch noch nicht vollumfänglich, vom ehemaligen Industrie- zu einem modernen Wirtschafts-, Handels- und Dienstleistungsstandort entwickelt. Industrielle Brachflächen, teilweise in bester (Innen-) Stadtlage, stellen bis heute bedeutende Raumpotenziale für die aktuelle und zukünftige Stadtentwicklung der Region dar und werden als Flächen für die Entwicklung moderner Stadtquartiere und Gewerbestandorte genutzt.

Im Rahmen der Fachexkursion „ISW vor Ort in der Metropole Ruhr“ wurden, stellvertretend für die Vielzahl an Kommunen und Maßnahmen, in Essen, Dortmund und Duisburg aktuelle innovative Projekte aus den Bereichen Wohnungsbau, Stadterweiterung und Stadtumbau sowie ausgewählte Projekte der IBA Emscherpark besucht.

IBA Emscherpark, Strukturwandel und Strukturförderprogramme

Die Internationale Bauausstellung Emscher Park trat 1989 unter der Leitung von Prof. Karl Ganser mit dem Ziel an, dem zentralen Ruhrgebiet und seinem industriellen Niedergang Impulse für einen konzeptionellen Strukturwandel zu geben. Der Umbau der Emscher bot die Chance der Stadtlandschaft ein neues Gesicht zu verleihen, das weit über die notwendigen Projekte im Zusammenhang mit dem Gewässerlauf hinausgeht. Industriebrachen wurden erfolgreich zu natürlichen Rückzugsräumen entwickelt und industrielle Restflächen als Chance für innovative Stadtentwicklungsprojekte genutzt.

Die Entstehung des Innenhafens in Duisburg sowie die Entwicklung des Landschaftspark Duisburg-Nord zählen zu den bekanntesten Projekten, die aus der IBA Emscherpark hervorgegangen sind und bis heute Impulse für die Entwicklung des lokalen Stadtteilumfeldes sowie für die Entwicklung der Region setzen. Darüber hinaus vermitteln die Projekte international Orientierung für einen neuen Umgang mit alten Industrieregionen und -anlagen. Der Duisburger Innenhafen ist heute als beliebter Wohn- und Wirtschaftsstandort etabliert und wird kontinuierlich weiterentwickelt. Hier befinden sich zudem städtebauliche Leuchtturmprojekte wie das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen sowie der Garten der Erinnerung, angelegt von Dani Karavan. Der Landschaftspark Duisburg-Nord ist der erste Landschaftspark, der aus einer rekultivierten Industrieanlage entstanden ist, der Entwurf des Parks stammt vom Büro Latz + Partner aus Kranzberg. Die Gestaltung war mit den Zielen verbunden, einen Frei- und Erlebnisraum für die Bevölkerung sowie ein Zentrum für kulturelle Aktivitäten zu schaffen und den Park gleichzeitig als Zeugnis der industriellen Geschichte des Areals sowie der Industrieregion Ruhrgebiet zu erhalten.

Mit der Kulturhauptstadt Europa Ruhr 2010 sowie den Regionalen wurden in Nordrhein-Westfalen und im speziellen im Ruhrgebiet nach der IBA weitere Strukturprogramme durchgeführt. Das Dortmunder U wurde als Leuchtturmprojekt der Stadt Dortmund im Zuge der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 eröffnet. Nach der Umnutzung des Gebäudes vom ehemaligen Brauereihochhaus zum Kunst- und Kulturprojekt, hat sich das Dortmunder U bis heute zu einem national bedeutenden Zentrum für Kunst, Kultur und digitale Bildung entwickelt. Die positive Entwicklung des ehemaligen Brauereistandortes hat zudem Impulse für die Entwicklung des direkten städtebaulichen Umfeldes sowie des gesamten Unionviertels gesetzt. Neben verschiedenen Büronutzungen und Bildungseinrichtungen, die im direkten Umfeld des Dortmunder U entstanden sind sowie geplanten Studentenwohnungen, hat sich das Unionviertel als Standort für Kunst- und Kulturschaffende etabliert und wird, u.a. gefördert von der Stadt Dortmund, entsprechend weiterentwickelt.

Konversion, Wohnungsbau und Quartiersentwicklung

Die Konversion industrieller Brachflächen spielt im Ruhrgebiet bis heute eine große Rolle. Industrielle Brachflächen stellen nach wie vor bedeutende Raumpotenziale in teilweise bester Citylage dar und werden entsprechend des steigenden Wohnraumbedarfs zu attraktiven, nutzungsgemischten Stadtquartieren entwickelt. Im Zuge der Exkursion wurden unter fachkundiger Führung ausgewählte Quartiere besichtigt.

Das neue Stadtquartier Phoenix-See, das in Dortmund Hörde auf einem Teilbereich des Standortes des ehemaligen Phoenix-Werk entstanden ist, zählt sicherlich zu den bekanntesten Konversionsprojekten der Region. Der Phoenix See gilt als Vorzeigequartier und hat das Image der Stadt Dortmund als attraktiver Wohn- und Wirtschaftsstandort mindestens auf nationaler Ebene nachhaltig positiv beeinflusst. Das neue Stadtquartier schließt direkt an das historisch gewachsene Stadtteilzentrum von Hörde an. Am Phoenix See befinden sich neben einem hohen Anteil von Wohnnutzungen, die sich u.a. in Form von Geschosswohnungsbauten, Doppelhäusern oder Einfamilienhäuser, teilweise mit Villencharakter, um den See gruppieren, Büro-, Gastronomie sowie Einzelhandelsflächen. Darüber hinaus ist der Phoenix See als Naherholungsgebiet sowohl bei den Anwohnern und der angrenzenden Wohnbevölkerung als auch bei auswärtigen Besuchern sehr beliebt und wird insbesondere an Wochenenden stark frequentiert. Die Neuanlage des Phoenix See sowie die Entwicklung eines attraktiven Stadtviertels wurde 2018 mit dem Deutschen Städtebaupreis ausgezeichnet.

Am Phoenix See befindet sich ein Gemeinschaftswohnprojekt von W.I.R.-Wohnen Innovativ Realisieren, einem Verein für generationenübergreifendes Wohnen in Dortmund. Das Wohnprojekt WIR am Phoenixsee besteht aus 40 Wohneinheiten verschiedener Größe die sowohl von Eigentümern als auch von Mietern bewohnt werden. Zudem verfügt das Projekt über verschiedene Gemeinschafträume und Gästeapartments. Die Philosophie des Zusammenlebens basiert im Vergleich zu anderen Gemeinschaftswohnprojekten auf Freiwilligkeit. Das Projekt wurde 2015 fertiggestellt (Architekt: post welters + partner mbB).

In Essen stellt die Neuentwicklung des Stadtquartiers Essen 51 aktuell das größte innerstädtische Konversionsgebiet dar. Im Rahmen des Masterplan Krupp-Gürtel Nord wird auf dem ehemaligen Kruppschen Industrieareal ein neues gemischtes Stadtquartier mit ca. 2.500 Wohneinheiten sowie umfangreicher Büro- und Gewerbenutzung geplant. Der Standort befindet sich in Innenstadtnähe. Zur Verbesserung der öffentlichen Verkehrserschließung plant die Stadt eine zusätzliche Tramlinie, die in Zukunft sowohl das Stadtquartier Essen 51 als auch das Krupp-Quartier, die 2010 neu erbaute Konzernzentrale von ThyssenKrupp in Essen, mit der Innenstadt und dem Hauptbahnhof verbinden soll. Eine direkte Anbindung an den Radschnellweg RS1, der eine Strecke von knapp 100 km zwischen Hamm und Duisburg – quer durch das Ruhrgebiet verbindet, besteht bereits.

Ab 2011 wurde mit dem Universitätsviertel „Grüne Mitte Essen“ direkt angrenzend an den innerstädtischen Limbecker Platz ein neues Stadtviertel als Wohn- und Büro- sowie Universitätsstandort gebaut. Viel beachtet wird das Universitätsviertel insbesondere aufgrund der großflächigen Anlage attraktiver Grün- und Freiflächen.

Das Uferquartier am neu angelegten Niederfeldsee im Westen im Stadtteil Altenessen zählt ebenfalls zu den neueren Konversionsprojekten der Stadt Essen. Mit der Neuanlage des Niederfeldsee, weitreichenden Wohnumfeldverbesserungen, Abriss, Modernisierungen und dem Bau attraktiver Geschosswohnungen verfolgte die Stadt das Ziel den klassischen Arbeiterstadtteil Altendorf, der sich lange Zeit durch brachgefallene Industrieflächen, Wohnungsleerstände und Modernisierungsrückstände im Immobilienbestand auszeichnete, aufzuwerten und das Quartier für junge Zielgruppen attraktiver zu gestalten. Das Projekt Niederfeldsee ist Teil des Programms „ESSEN. Neue Wege zum Wasser“, mit dem die Stadt das Ziel verfolgt, Grünflächen zu entwickeln und zu vernetzen.

Aktuell werden im Ruhrgebiet mit den Projekten Freiheit Emscher und der Neuentwicklung der Fläche des Flughafen Essen/Mülheim weitere große Konversionsprojekte umgesetzt, die sich insbesondere dadurch auszeichnen, dass sich die Areale auf unterschiedlichen administrativen Gebieten befinden und die Planung und Entwicklung in interkommunaler Zusammenarbeit stattfindet.

Es ist nicht zu übersehen, dass die Impulse der IBA Emscherpark sowie der nachfolgenden Strukturförderprogramme in der Region bis heute spürbar sind und weiterhin als Wegbereiter für die Entwicklung von Stadt und Region dienen. Das Ruhrgebiet zeigt sich als Region, die mit vollem Tatendrang den Strukturwandel weiter vorantreibt. Dieser ist sowohl in den Kommunen sowie weiteren privaten und öffentlichen Institutionen und Verbänden zu spüren, die während der Fachexkursion besucht wurden. Nicht nur die IBA-Emscherpark, sondern auch die daran anschließende lokale und regionale Entwicklung hat besonderen Vorbildcharakter für den wirtschaftlichen und strukturellen Wandel einer Region und bietet heute sowie in Zukunft Potenzial für weitere fachlich orientierte Besichtigungen.

Die Fachexkursion wurde durch Erläuterungen und fachliche Besichtigungen von der Emschergenossenschaft eG, dem Regionalverband Ruhr, den Stadtverwaltungen Essen, Dortmund und Duisburg, den Planungs- und Architekturbüros Pesch Partner Architekten Stadtplaner GmbH, post welters + partner mbB und Planquadrat Dortmund GbR, dem Dortmunder U, der Duisburg Kontor Hallenmanagement GmbH und der Baukunstarchiv NRW gGmbH sowie Expertinnen und Experten der DASL unterstützt.