Artikel

ISW vor Ort in San Francisco und der Bay Area

Die San Francisco Bay Area zählt zu den innovations- und wachstumsstärksten Metropolregionen der USA. Gleichzeitig ist San Francisco ein Sehnsuchtsort, der bis heute für Toleranz, Vielfalt und ein besonderes Lebensgefühl bekannt ist. Das ISW hat die Bay Area im Rahmen einer städtebaulichen Studienreise im Oktober 2018 besucht und dabei insbesondere die Herausforderungen des enormen Wachstums in San Francisco und der gesamten Region in den Fokus genommen.

Die San Francisco Bay Area zählt zu den innovations- und wachstumsstärksten Metropolregionen der USA. Gleichzeitig ist San Francisco ein Sehnsuchtsort, der bis heute für Toleranz, Vielfalt und ein besonderes Lebensgefühl bekannt ist. Der Boom der High-Tech-Industrie hat die Region in den letzten Jahren stark verändert. Die Nachfrage nach hochqualifizierten Fachkräften ist enorm, entsprechend hoch der Zuzug zahlungskräftiger Bevölkerungsschichten, der sich insbesondere auf San Francisco als kulturelle Metropole der Region konzentriert. Entsprechend knapp und teuer ist Wohnraum in San Francisco und der gesamten Region.

Die Schaffung von ausreichend und bezahlbarem Wohnraum, die Neuentwicklung von ehemaligen Hafen- und Militärflächen zu neuen Stadtquartieren, die Bewältigung des hohen Verkehrsaufkommens sowie die Schaffung von nachhaltiger Mobilität sind wichtige Herausforderungen der aktuellen Stadtentwicklungsplanung in der Bay Area und gaben, auch mit Blick auf vergleichbare Herausforderungen und Aufgaben in hiesigen Wachstumsregionen, Anlass, die Region im Rahmen einer städtebaulichen Studienreise zu besuchen. Die fachlich orientierte Reise hatte das Ziel, die Region in ihrer Gänze zu betrachten. Neben den Herausforderungen des Wachstums, die insbesondere die Stadt San Francisco betreffen, wurden zudem denkmalpflegerische Aspekte, städtebauliche Beispiele des New Urbanism, besondere Hochbauarchitekturen sowie regionalplanerische Belange betrachtet und ausgewählte Planungsinstitutionen sowie die renommierten Universitäten Stanford und Berkeley besucht.

Wohnungsmarkt und Wohnungsbau in San Francisco

Wohnraum in San Francisco ist knapp und teuer. Die Dynamik in der Entwicklung neuer Arbeitsplätze überflügelt die Anzahl neu genehmigter Wohneinheiten bei weitem. Die Preise auf dem Wohnungsmarkt steigen, sozial schwächere Bevölkerungsgruppen werden aus der Stadt verdrängt und auch „Normalverdienerhaushalte“ können sich das Leben in der Stadt aufgrund der aufgerufenen Wohnungsmiet- und Kaufpreise nicht mehr leisten. Obdachlose Menschen sind im Stadtbild der Region allgegenwärtig. Die Stadt San Francisco selbst spricht von einer Wohnungsmarktkrise, die sich in den letzten Jahren durch den andauernden Zuzug weiter verschärft hat. Um dem Wohnungsmangel und insbesondere den hohen Wohnkosten begegnen zu können und bezahlbaren Wohnraum für alle Bevölkerungsschichten in San Francisco zu schaffen, hat die Stadt verschiedene Programme zur Wohnraumförderung aufgelegt. Hierzu zählt u.a. das Affordable Housing Bonus Program. Das Programm hat das Ziel, den Anteil bezahlbarer Wohnungen im Neubau zu erhöhen und richtet sich an Haushalte mit geringem und mittlerem Einkommen. Das Programm gibt Bauträgern und Projektentwicklern die Möglichkeit, z.B. mit einer höheren Dichte oder insgesamt höher zu bauen, wenn im Umkehrschluss der Anteil bezahlbarer Wohnungen in den Projekten erhöht wird. Das Programm bietet verschiedene Optionen für Bauherren, die sich u.a. mit Blick auf den Anteil und die Ausgestaltung bzw. die Bindung dieser Wohnungen unterscheiden. Die Berechnung der verschiedenen Bedarfsgruppen mit Anrecht auf geförderten Wohnraum erfolgt über den Kennwert Area Median Income (AMI). Dieser Wert berechnet sich über das Haushaltseinkommen und die Haushaltsgröße.

Der Einsatz von seriellem Wohnungsbau spielt ebenfalls zunehmend eine Rolle in der Bay Area. Sowohl in San Francisco als auch im Silicon Valley werden bereits Wohngebäude auf der Basis modularer Bauelemente errichtet. Die Vorteile des seriellen Wohnungsbaus ergeben sich insbesondere aus der Möglichkeit, durch den hohen Vorfertigungsgrad zeit- und kostengünstiger zu bauen.

Redevelopment

San Francisco verfügt über viele großflächig brachliegende Hafen- und Militärflächen, die sukzessive als neue Stadtquartiere geplant und in die Stadt integriert werden. Die Mission Bay zählt in diesem Zusammenhang zu den größten Redevelopment-Projekten in San Francisco. Das Gebiet, bestehend aus ehemaligen Hafen- und Industrieflächen, befindet sich bereits im fortgeschrittenen Stadium baulicher Realisierung. Ziel ist es, ein modernes, nutzungsgemischtes Stadtquartier mit hoher Dichte zu entwickeln. Neben den Wohneinheiten werden umfangreiche Flächen für Einzelhandel und Gastronomie bereitgestellt. Zudem errichtet die University of California San Francisco hier einen neuen Campus mit medizinisch-biochemischem Schwerpunkt.

Die Neuentwicklung von Treasure Island, einer vorgelagerten künstlichen Insel in der San Francisco Bay, ist ein weiteres Redevelopment-Projekt der Stadt, das sich aktuell in der Planungsphase befindet. Die ehemals als Militärstützpunkt genutzte Insel soll als neuer Stadtteil von San Francisco entwickelt und neben dem bestehenden Anschluss an die Oakland Bay Bridge über Fährverbindungen auf kurzem Weg an die Innenstadt von San Francisco sowie die East Bay angeschlossen werden. Das Verkehrsnetz auf der Insel soll auf eine Reduzierung der PKW-Nutzung abzielen, was insbesondere durch die Anlage eines umfassenden Fuß- und Radwegesystems mit umfassenden Sharing-Angeboten erreicht werden soll.

Trotz der großen Wohnungsnot konnte abseits der großen Redevelopment-Projekte, die sich größtenteils noch in der Planung oder baulichen Realisierung befinden, keine große Bautätigkeit im Stadtbild der Region wahrgenommen werden. Eine Entschärfung bzw. ein Ende der Wohnungsmarktkrise scheint, auch mit Blick auf die Gespräche mit lokalen Experten, kurz- bzw. mittelfristig nicht in Sicht.

Mobilität und Verkehr

Die Verkehrsbelastung in San Francisco und der Bay Area ist hoch. Insbesondere zu den Hauptverkehrszeiten am frühen Morgen und Nachmittag/Abend bilden sich lange Staus auf Highways und Hauptstraßen. Die hohen Miet- und Bodenpreise und damit verbundenen Verdrängungseffekte erhöhen seit Jahren die Pendelbewegungen in der Region - Pendelstrecken von mehr als zwei Stunden gehören zum Alltag in der Bay Area. Der öffentliche Personennahverkehr in San Francisco ist im Vergleich zu den Systemen europäischer Großstädte u.a. mit Blick auf die Streckenführung, den Verkehrsmitteleinsatz sowie das bestehende Tarif- und Fahrkartensystem weniger attraktiv und insbesondere zu den Hauptverkehrszeiten an der Kapazitätsgrenze. Mit dem neuen Transbay Terminal wurde im Herbst 2018 ein neuer öffentlicher Verkehrsknotenpunkt mitten in San Francisco fertiggestellt. Ziel des neuen Terminals ist es, die überregionalen und städtischen Schienen- und Bussysteme zu verbinden und den ÖPNV insgesamt zu fördern. Das Transbay Terminal ist zudem als zukünftiger Endbahnhof der geplanten High-Speed-Bahntrasse von San Francisco nach Los Angeles vorgesehen. Das moderne radikale bauliche Ensemble wurde zudem mit einem großflächigen, öffentlich zugänglichen Dachgarten mit verschiedenen Gärten, Ruhezonen und Spazierwegen ausgestattet. Aufgrund von nachträglich aufgetretenen Baumängeln musste das Terminal allerdings bereits sechs Wochen nach der Eröffnung wieder geschlossen werden - ein Wiedereröffnungstermin ist derzeit noch nicht bekannt. Über den Bau des Transbay Terminals hinaus gehende Maßnahmen, dem hohen Verkehrsaufkommen durch den Ausbau und die Steigerung der Attraktivität ÖPNV entgegen zu wirken, erscheinen wenig ausgeprägt oder prioritär. Die Frage nach umfassende Maßnahmen sowie Lösungsansätze zur Reduzierung des hohen Verkehrsaufkommens blieb weitgehend ungeklärt.

Silicon Valley

Die Entwicklung des Silicon Valley zum weltbekannten High-Tech-Standort begann bereits in den 1930er Jahren. In den 1950er Jahren startete mit der Halbleitertechnologie auf Siliciumbasis die Entwicklung von leistungsfähigen Computern. Das Silicon Valley entwickelte sich fortan zu einem globalen Zentrum der Computertechnologie, begünstigt durch die Bildungs- und Forschungsinfrastruktur der Stanford University. Städtebaulich zeigt sich das Silicon Valley bis heute als eine Aneinanderreihung suburbaner Stadt- und Landschaftsräume mit geringer städtebaulicher Dichte und vereinzelten Gewerbegebieten, in denen sich die Konzernzentralen der Tech-Unternehmen befinden. Die hiesigen Headquarter sind nahezu durchweg von bekannten Stararchitekten als mehr oder weniger abgeschottete campusartige Firmenareale geplant und gebaut. Es stellt sich die Frage, ob die zunehmende Innenorientierung und das große Angebot u.a. an Freizeitmöglichkeiten und Gastronomie auf den Firmenarealen mittelfristig negative Auswirkungen auf die Entwicklung urbaner Qualitäten in den Kommunen des Silicon Valleys haben wird. Diese Frage stellt sich auch für die Stadt San Francisco, die in jüngerer Vergangenheit zunehmend als Standort für High-Tech-Konzerne nachgefragt wird.

Neben San Francisco herrscht auch im Silicon Valley akuter Wohnungsmangel. Google und Facebook begegnen dem, indem sie seit einigen Jahren Mitarbeiterwohnungen in direkter Nähe zu den Konzernzentralen errichten. Darüber hinaus engagieren sich die Tech-Unternehmen im Bereich der öffentlichen Infrastruktur beispielsweise im Rahmen der Finanzierung einer Gratis-Shuttle-Buslinie oder der Gestaltung des öffentlichen Raumes.

Historische Bauten und denkmalpflegerische Aspekte

Der Umfang historischer Gebäude in den USA ist aufgrund der jüngeren Siedlungsgeschichte nicht mit den historischen Baustrukturen in Europa zu vergleichen. Trotzdem spielen denkmalpflegerische Aspekte auch in der dortigen Stadtentwicklung eine Rolle. Die Stadt Alameda, südlich von Oakland in der East Bay gelegen, verfügt mit über 10.000 Gebäuden, die vor 1930 errichtet wurden, über einen hohen Anteil historischer Bebauung. Um diese Gebäude zu erhalten und das architektonische Erbe der Stadt zu sichern, hat die Stadt Alameda in den 1970er Jahren ein lokales Regularium zur Erhaltung von historischen Gebäuden und ein Gremium zum Umgang mit historischer Bausubstanz installiert. In den 1980er Jahren wurde Alameda für die Bemühungen zur Erhaltung historischer Bausubstanz ausgezeichnet und der Einfluss des Expertengremiums in der Folge weiter verstärkt. Ziel des Gremiums ist es u.a., Kriterien für die Identifizierung und verbindliche Bestimmungen zum Umgang mit historischen Gebäuden zu entwickeln.

Planungssystem, regionalplanerische Aspekte und Planungsinstitutionen

Die amerikanische Kultur zeichnet sich insbesondere durch den hohen Stellenwert von Individualisierung und persönlicher Freiheit aus. Reglementierungen oder soziale Sicherungssysteme hingegen sind nicht stark ausgeprägt, die Steuerung und Einflussnahme durch den Staat ist gering. Diese Kultur spiegelt sich auch im Planungssystem der USA wider, so dass neben dem Zoning, vergleichbar mit der deutschen Flächennutzungsplanung, nicht viele Steuerungs- oder Reglementierungsmöglichkeiten vorhanden sind. Das Zoning, die Flächennutzungsplanung, ist eine der Hauptaufgaben der kommunalen Stadtplanung und bietet die Möglichkeit, eine geordnete Flächenentwicklung in der Stadt zu sichern und durch die Ausweisung verschiedener Zonen Nutzungen zu definieren und vorzugeben.

Der Plan Bay Area 2040 stellt die langfristige Strategie für die gemeinsame Entwicklung der Bay Area dar. Ziel ist es, die Herausforderungen des stetigen Wachstums u.a. in den Bereichen Verkehr und Mobilität, Bodennutzung, Nachhaltigkeit und der wirtschaftlichen Entwicklung zu identifizieren und gemeinsam regionale Lösungsansätze zu entwickeln. Die Aufstellung und Fortschreibung der Strategie wird von der Bay Area Metro, einer regionalen Planungsorganisation, koordiniert, die unter ihrem Dach sowohl die regionale Mobilitätskommission der Bay Area als auch die Organisation für Regionalentwicklung und interkommunale Zusammenarbeit zusammenfasst.

Mit SPUR (San Francisco Bay Area Planning and Urban Research Association) wurde im Rahmen der Exkursion auch eine private, mitgliederfinanzierte Institution besucht, die sich sehr stark in den stadtentwicklungspolitischen Diskurs in der Region einbringt und Büros in San Francisco, San Jose und Oakland betreibt. Ziel der Organisation ist es, eine Vermittlerrolle zwischen den verschiedenen Akteuren in der Stadtentwicklungsplanung in der Bay Area einzunehmen und Lösungsmöglichkeiten mit dem Charakter von Empfehlungen für städtebauliche Herausforderungen zu entwickeln.

Architektur

Die Siedlungsgeschichte von San Francisco beruht auf unterschiedlichsten kulturellen Einflüssen, die sich bis heute auch in der Architektur der Stadt widerspiegeln. Neben einer großen Anzahl an viktorianischen Holzgebäuden verfügt die Stadt u.a. über ein Beaux-Arts-Ensemble rund um die City Hall sowie eine große Anzahl historischer sowie moderner Hochhäuser im Financial District. Ebenfalls im Architekturbild sichtbar ist die spanische sowie die asiatische Siedlungsgeschichte der Stadt. In San Francisco befinden sich zudem zahlreiche Gebäude nach Entwürfen namhafter, weltbekannter Architekten, wie Daniel Libeskind (Contemporary Jewish Museum), Frank Lloyd Wright (V.C. Gift Shop sowie u.a. Marin County Civic Center in San Rafael), Pelli Clarke Pelli Architects (Transbay Terminal), Herzog & de Meuron (de Young Museum), Mario Botta und Snøhetta (San Francisco Museum of Modern Arts). Darüber hinaus haben US-amerikanische Architekten, wie Willis Polk (u.a. Hobart Building) und Arthur Brown Jr. (u.a. City Hall) die Stadt mit ihren Bauten geprägt.

Die gewonnenen fachlichen und persönlichen Eindrücke der Teilnehmenden wurden im Rahmen eines Nachtreffens am 25.01.2019 in der Gruppe besprochen sowie in Diskussionen vertieft. Das Nachtreffen fand in Kooperation mit der Schader Stiftung in Darmstadt statt.