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Sicherung, Erweiterung und Qualifizierung von Grün- und Freiflächen im urbanen Kontext - Tagungsbericht

In (Groß-) Städten und Ballungsräumen wächst infolge des anhaltenden Bevölkerungswachstums der Nutzungsdruck auf freie, unbebaute Flächen – auch urbane Grünflächen sind davon betroffen. Ziel der Fachtagung war es, die Bedeutung von grünplanerischen Belangen im Kontext städtebaulicher Planungen und vor dem Hintergrund zunehmender Verdichtung zu verdeutlichen und als Ideengeber für neue „grüne“ Impulse im Städtebau und der Freiraumplanung zu wirken.

Köln (Sarah Dörr)

 

"Sicherung, Erweiterung und Qualifizierung von Grün- und Freiflächen im urbanen Kontext"

ISW-Fachtagung am 11.04.2018 in München

Die fortschreitende Urbanisierung bringt unsere Städte zunehmend an ihre räumlichen Grenzen. Der nachverdichtungsbedingt steigende Flächenverbrauch erhöht den Nutzungsdruck auf freie, unbebaute Flächen. Gleichzeitig erfordert das Bevölkerungswachstum, neben der Schaffung von ausreichend Wohnraum, die Sicherung der Lebensqualität in der Stadt. Die Verfügbarkeit von Grün- und Freiflächen spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Hierbei geht es, neben der quantitativen Ausstattung der Stadt mit Grün- und Freiflächen, um den Nutzwert und die Zugänglichkeit sowie stadtklimatische Aspekte.

Doppelte Innenentwicklung

Es gilt, in Zeiten zunehmender Flächenknappheit, den begrenzten Raum möglichst optimal zu nutzen. die Doppelte Innenentwicklung hat sich als Instrument, die notwendige bauliche Nachverdichtung maßvoll zu gestalten, die Neuflächeninanspruchnahme auf ein Minimum zu reduzieren und dabei gleichzeitig auf quantitative und qualitative Grün- und Freiflächenentwicklung zu achten, bereits in der Praxis bewährt. Kooperationen zwischen verschiedenen Planungsdisziplinen und Zuständigkeiten in Fachressorts sowie der Wohnungswirtschaft werden in diesem Zusammenhang immer wichtiger. Neben der gemeinsamen Planungsleistung stehen insbesondere Aushandlungsprozesse zur Lösung von Interessenkonflikten und Erzielung stadtverträglicher Kompromisse im Vordergrund.

Die Planungspraxis in Leipzig und Hamburg zeigt zudem die steigende Bedeutung der Stadtgesellschaft als Akteure in der Grün- und Freiflächenplanung. Neben klassischen Beteiligungsprozessen in Nutzungs- und Gestaltungfragen, gewinnt die aktive Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern in Maßnahmen zur Sicherung und Erweiterung von Grün- und Freiflächen an Bedeutung. Beispielhaft zu nennen sind hier u.a. das Leipziger Gartenprogramm und das Hamburger Projekt „Mein Baum Meine Stadt“.

Multifunktionalität und Mehrfachnutzung

Gleichzeitig haben sich die Anforderungen an urbane Grün- und Freiräume infolge zunehmender gesellschaftlicher Komplexität sowie spürbarer klimatischer Veränderungen gewandelt. Es geht nicht mehr nur darum, einen grünen Gegenentwurf zur gebauten Stadt zu entwerfen. Grün- und Freiflächen werden neben ihrer Funktion als grüne Erholungs- und Rückzugsräume, gleichzeitig als Freizeitorte, Sportflächen, Treffpunkte, Orte sozialer Interaktion sowie als Flächen für temporäre Events genutzt. Zusätzlich spielt die Möglichkeit, durch die spezifische Anlage die Folgen möglicher Wetterextreme (z.B. Starkregen) in der Stadt abzumildern, eine zunehmend größere Rolle. Diese Multifunktionalität und Mehrfachnutzung von Grün- und Freiflächen verändert ihre Gestalt hin zu einer Kombination aus Park- und Platzfläche und führt dazu, dass die Grenzen zwischen den Raumkategorien zunehmend verschwimmen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von urbanen Hybridräumen.

Neue Flächenpotenziale und vertikale Freiräume

Betrachtet man die beschriebenen urbanen Hybridräume, erweitert sich in punkto Flächenverfügbarkeit das Blickfeld. Ungenutzte Flächenpotenziale, die u.a. aufgrund ihrer Kategorisierung, Struktur oder Lage bisher für die Entwicklung von Grün- und Freiflächen nicht in Betracht kamen, rücken zunehmend in den Fokus der Planung und bieten zusätzliche Entwicklungsmöglichkeiten. Hierzu zählen u.a. Restflächen, Baulücken, Brachflächen oder Verkehrsflächen. Auch die Wiederentdeckung der vertikalen Dimension in der Anlage von Grün- und Freiflächen bietet in diesem Zusammenhang neue Entwicklungspotenziale. Neben der Möglichkeit, sehr platzsparend Flächen zu stapeln, geht es auch um die Nutzbarmachung von Dachlandschaften oder ehemaligen Verkehrshochtrassen. Das bekannteste Beispiele für Letzteres ist sicherlich der New Yorker High Line Park.

Überdies wurden im Rahmen der Fachtagung weitere Strategien und Projekte zur Sicherung, Erweiterung und Qualifizierung von urbanen Grün- und Freiflächen diskutiert. Zu nennen sind u.a. die Aufstellung und Inhalte des Masterplan Leipzig 2030 sowie die Dachbegrünungsstrategie und der Natur-Cent im Wohnungsbau der Stadt Hamburg. Ziel der Fachtagung war es, die wachsende Bedeutung von urbanen Grün- und Freiflächen im Kontext zunehmender städtischer Nachreichung zu verdeutlichen, Handlungspotenziale sowie die Notwendigkeit von fachübergreifender Planung und Zusammenarbeit aufzuzeigen und Impulse für die Planung und Entwicklung vor Ort zu geben.